nNick Energy Atlas
Bilanzierung und Energiedaten

08SAP Utilities & Betrieb

EDM im Kontext

Was Energiedatenmanagement im Utilities-System leistet: Messwerte prüfen, Ersatzwerte bilden, Zeitreihen historisieren und abrechenbare Mengen für Abrechnung und Bilanzierung bereitstellen.

Auf dieser Seite 8 Abschnitte

Kurzantwort

Ohne Energiedatenmanagement bleibt ein Messwert ein Rohwert am Zählpunkt. Erst das EDM ordnet ihn zeitlich ein, prüft ihn, kennzeichnet ihn mit einem Wertestatus und historisiert ihn als Zeitreihe. Aus dieser Zeitreihe entstehen aggregierte Energiemengen für Abrechnung, Bilanzierung und Prognose. Ein Utilities-System braucht das EDM, weil Messstellenbetreiber und Netzbetreiber Messwerte nach festen Fristen und mit definierten Statusangaben liefern. Wer den Status verliert, kann die Menge später nicht mehr verteidigen.

Warum das Messgerät nicht genügt

Die Messeinrichtung liefert Zählerstände oder Lastgänge, mehr nicht. Wer diese Rohdaten zu belastbaren Mengen macht, ist eine zweite Frage. Das Messstellenbetriebsgesetz trennt beide Aufgaben. Nach § 60 Absatz 1 MsbG muss der Messstellenbetreiber die erhobenen Daten aufbereiten und an die berechtigten Stellen übermitteln (§ 60 MsbG, Abs. 1). Absatz 2 verortet die Aufbereitung bei intelligenten Messsystemen im Smart-Meter-Gateway, und zwar erst dann verbindlich, wenn das BSI es als technisch möglich bewertet und die Bundesnetzagentur eine Festlegung nach § 75 Satz 1 Nummer 4 getroffen hat. Bis dahin darf die Aufbereitung außerhalb des Gateways liegen (§ 60 MsbG, Abs. 2).

Das EDM liegt damit zwischen zwei Welten. Nach innen verbindet es Messwesen, Abrechnung und Netzabrechnung, nach außen verarbeitet es die Zeitreihen der Marktkommunikation. In der Produktdokumentation steht das EDM als Komponente für Intervallablesung, Mengenabrechnung, Fahrpläne und die Abrechnung von Intervallverbräuchen (SAP Learning, Energy Data Management Components). In SAP IS-U ist diese Komponente fest mit dem System und mit dem Datenaustausch verzahnt.

Vier Ebenen trennen

Fachlich hilft eine klare Schichtung, weil sich Fehler dann eindeutig zuordnen lassen.

  1. Messwert. Der Rohwert kommt aus der Messeinrichtung oder aus einer Marktnachricht. Er trägt Zeitstempel und Wert, aber noch keine gültige Qualitätsaussage.
  2. Zeitreihe. Die Zeitreihe ordnet die Werte im Zeitraster. Bei registrierender Leistungsmessung sind das Viertelstundenwerte, siehe Viertelstundenwerte und Zeitraster. Jeder Wert bekommt einen Wertestatus.
  3. Abgeleitete Menge. Faktoren, Profile und Aggregation erzeugen daraus Energiemengen. Details stehen unter Aggregation von Messwerten.
  4. Verwendung. Abrechnung, Bilanzkreisabrechnung und Prognose lesen die Menge mit dem zugehörigen Status und der zugehörigen Version.

Die Qualitätsangabe aus Ebene 2 wandert mit bis in die Verwendung. Deshalb ist das Kapitel Status und Qualität von Messwerten Voraussetzung für alles Weitere.

Aufgaben des EDM

Zeitreihen führen und historisieren. Das EDM speichert Intervalldaten dauerhaft, versioniert und mit Gültigkeitszeitraum. Ältere Stände bleiben erhalten, weil spätere Korrekturen den früheren Stand nicht einfach löschen dürfen.

Plausibilisieren und Ersatzwerte bilden. Fehlende oder unplausible Werte werden ersetzt. Die Bundesnetzagentur definiert in ihrem Diskussionspapier den Ersatzwert als abrechnungsrelevanten Messwert, der unter Verwendung aller verfügbaren Informationen anstelle eines fehlenden wahren Messwerts, eines vorläufigen Messwerts oder eines unplausiblen wahren Messwerts gebildet wird (BK6-16-200, Diskussionspapier, Abschn. 1). Dasselbe Papier trennt drei Qualitäten: den wahren Messwert als plausiblen und abrechnungsrelevanten Wert, den Ersatzwert als ebenfalls abrechnungsrelevanten, aber gebildeten Wert und den vorläufigen Messwert als automatisiert gebildeten Wert ohne Abrechnungsrelevanz. Diese Dreiteilung ist die fachliche Grundlage des Wertestatus.

Lastgänge und Zählerstände unterscheiden. Ein Lastgang beschreibt Arbeit je Intervall, ein Zählerstand einen Stand zu einem Zeitpunkt. Der Unterschied wirkt bis in die Verarbeitung, siehe Lastgang und Zählerstand. Auch der Umfang der Übermittlung unterscheidet sich, weil § 60 Absatz 3 MsbG je nach Fall und Messtechnik Last- oder Zählerstandsgänge und in bestimmten Fällen jährliche Jahresarbeitswerte vorsieht (§ 60 MsbG, Abs. 3 Nr. 1).

Profile anwenden. Für Zählpunkte ohne Intervallmessung wird der Verbrauch über ein Standardlastprofil abgebildet. SAP führt dafür synthetische Profile mit Tages-, Saison- und Zeitgruppen und normiert sie auf eine Bezugsmenge (SAP Learning, Managing the EDM Profiles). Der Nutzungsfaktor setzt den gemessenen Verbrauch ins Verhältnis zur normierten Profilmenge. Eine Verwechslung mit einem Messwert ist häufig, deshalb hilft Standardlastprofil SLP verstehen.

Aggregieren und bereitstellen. Das EDM summiert Einzelzeitreihen zu Summenzeitreihen und übergibt sie an Abrechnung und Marktkommunikation. Für Bilanzierung gilt eine harte Regel: In eine Summenzeitreihe dürfen nur Werte mit dem Wertestatus “wahrer Wert” oder “Ersatzwert” einfließen. Fehlen solche Werte, wird die Viertelstunde mit Null gefüllt (BK6-24-174 MaBiS, Abschn. 3.8.1). Die Version einer Summenzeitreihe wird aufsteigend vergeben und über die gesamte Bilanzkreisabrechnung beibehalten (BK6-24-174 MaBiS, Abschn. 3.8.2). Zur Abrechnung kommt die höchste vorliegende Version mit dem Datenstatus “Abrechnungsdaten” (BK6-24-174 MaBiS, Abschn. 3.8.3).

plausibelfehlend oder unplausibelMesswertZähler oderMarktnachrichtPlausibilisierungZeitreihemit WertestatusErsatzwertbildungAggregation undSummenzeitreiheAbrechnungBilanzierungKorrektur oderReklamationneue Version
Die Kette vom Rohwert bis zur abrechenbaren Menge. Ersatzwert und Status entstehen vor der Zeitreihe, Korrekturen laufen über eine neue Version in dieselbe Zeitreihe zurück.

Vereinfachtes Beispiel: RLM-Kunde mit Messlücke

Ein Kunde mit registrierender Leistungsmessung liefert Viertelstundenwerte. Am 3. Juni fällt das Gerät für sechs Viertelstunden aus, und am 20. Juni wird der Zähler gewechselt. Das Beispiel ist ein vereinfachtes Lernmodell mit gedachten Zahlen.

Das EDM importiert die Viertelstundenwerte des 3. Juni. Sechs Intervalle kommen ohne Wert an. Die Plausibilisierung erkennt die Lücke und markiert sie. Ein Ersatzwertverfahren aus der zugeordneten Verfahrensgruppe bildet für diese sechs Intervalle Werte, etwa aus dem Vortagesverlauf vergleichbarer Werktage. Die Werte erhalten den Wertestatus “Ersatzwert” und tragen die Bildungsregel mit sich.

Der Zählerwechsel am 20. Juni liefert zwei Zählwerksstände. Das EDM setzt daraus eine Gangreihe zusammen. Weil die neue Messeinrichtung an derselben Marktlokation hängt, läuft der Lastgang über den Wechsel hinweg weiter. Den Wandlungsfaktor wendet das System genau einmal an, an der Zählwerkszuordnung.

Für die Netzzeitreihe entsteht eine Summenzeitreihe mit sechs Ersatzwerten am 3. Juni, die als Version 1 in die Bilanzkreisabrechnung geht. Meldet der Netzbetreiber die wahren Werte später nach, entsteht Version 2, und die höchste Version mit dem Datenstatus “Abrechnungsdaten” kommt zur Abrechnung (BK6-24-174 MaBiS, Abschn. 3.8.3). Die MaBiS kennt für diese Abfolge feste Fristen, gerechnet ab dem Ablauf des abzurechnenden Bilanzierungsmonats: die Datenlieferungsfrist für Bilanzierungsgebiets-Summenzeitreihen bis zum 10. Werktag, die vorläufige Bilanzierung zum 18. Werktag und die abrechnungsrelevante Bilanzierung zum 42. Werktag mit Datenstand 30. Werktag (BK6-24-174 MaBiS, Abschn. 3.10, Tabelle 2). Erst die Zeitreihe mit Status und Version ist damit belastbar.

Folgen und Fehlerfälle

Ersatzwert ohne Kennzeichnung. Der Wert sieht wie ein Messwert aus. In der Bilanzierung wird er dann wie ein wahrer Wert behandelt. Eine spätere Korrektur ist nicht mehr nachvollziehbar, weil niemand erkennt, welcher Wert gebildet wurde.

Zeitzonen und Zeitumstellung. Bei der Umstellung im Frühjahr fehlt eine Stunde, im Herbst wiederholt sie sich. Viertelstundenraster und Zählerstände laufen dann auseinander. Wer das nicht behandelt, verschiebt Mengen und erzeugt eine Lücke an falscher Stelle. Der Nachbarartikel Zeitumstellung in Energiedaten zeigt die Fälle.

Doppelte Messwerte nach Korrekturlieferung. Eine Korrektur ersetzt einen Wert, sie addiert ihn nicht. Werden beide Stände addiert, erscheint die Menge doppelt in der Summe. Das EDM muss Ersetzungen als Version abbilden. Die Regeln für solche Nachlieferungen und Reklamationen stehen unter Korrekturen verarbeiten. Die Bundesnetzagentur schlägt in ihrem Diskussionspapier die Reklamation von Lastgängen als eigenen Prozess zwischen Lieferant und Netzbetreiber mit einer Reaktionsfrist von drei Werktagen vor (BK6-16-200, Diskussionspapier, Abschn. 2.3).

Faktor doppelt angewendet. Der Wandlungsfaktor gehört an genau eine Stelle der Kette. Wenden ihn Messwesen und Abrechnung an, wird die Menge quadratisch verfälscht. Die Bundesnetzagentur nennt den falschen Wandlungsfaktor als eigenen Korrekturgrund für Lastgänge.

Zeitreihe ohne Statusangabe. Ohne Wertestatus fehlt die Aussage, ob ein Wert gemessen, gebildet oder nur vorläufig ist. Damit lässt sich nicht entscheiden, welche Version abrechnungsrelevant ist.

Ersatzwert als endgültig betrachten. Das Diskussionspapier der Bundesnetzagentur schlägt vor, vorläufige Werte unverzüglich, spätestens mit Ablauf einer dort erst noch einzuführenden zweiten Lieferfrist, durch wahre Werte oder Ersatzwerte zu ersetzen (BK6-16-200, Diskussionspapier, Abschn. 2). Ein EDM, das Nachlieferungen nicht als neue Version annimmt, produziert Rechnungskorrekturen. Verbindliche Fristen stehen in der MaBiS, nicht in diesem Papier.

Typische Missverständnisse

Das EDM ist nicht das Messgerät. Messeinrichtung und Gateway erheben, das EDM prüft, bildet und verteilt.

Die Zeitreihe ist nicht die Rechnung. Die Zeitreihe liefert Mengen mit Status und Version. Preisbildung, Steuern und Vertragsdaten kommen aus der Abrechnung.

Der Ersatzwert ist nicht irgendeine Schätzung. Er entsteht nach einer hinterlegten Regel und trägt Begründung und Bildungsverfahren als Information. Nach dem Diskussionspapier der Bundesnetzagentur sollen beim Ersetzen eines abrechnungsrelevanten Messwerts der Grund und möglichst die Bildungsmethode mitgeliefert werden (BK6-16-200, Diskussionspapier, Abschn. 2.2).

Das Lastprofil ist nicht der Verbrauch. Das Profil beschreibt eine typische Form, der Nutzungsfaktor skaliert sie auf den tatsächlichen Verbrauch des Zählpunkts.

Die höchste Version ist nicht automatisch abrechnungsrelevant. Entscheidend ist die höchste Version im Datenstatus “Abrechnungsdaten”.

Quellen und Pflegehinweis

Der Artikel stützt sich auf § 60 MsbG für Aufbereitung und Übermittlung, auf das Diskussionspapier BK6-16-200 der Bundesnetzagentur für die Begriffe wahrer Messwert, vorläufiger Messwert und Ersatzwert sowie den vorgeschlagenen Reklamationsprozess, auf die MaBiS-Lesefassung BK6-24-174 für Summenzeitreihen, Wertestatus, Versionierung, Datenstatus und Fristen. Die SAP-Seite ist über die SAP-Learning-Kurse zu den EDM-Komponenten und zu synthetischen Profilen belegt.

Prüfdatum ist der 11. September 2026. Bei einer Änderung erneut zu prüfen sind der Rechtsstand von § 60 MsbG, die Fristen und Statusregeln der MaBiS in der jeweils gültigen Lesefassung sowie die Version der EDI@Energy-Formate für den Messwertaustausch. Die Beispielzahlen sind ein Lernmodell und kein Marktwert.

Primärquellen zum Nachlesen