nNick Energy Atlas
Rollenmodell

02Marktrollen & Regulierung

Vertragspartner und Marktpartner

Wie Vertragsbeziehungen und Marktrollen im standardisierten Nachrichtenaustausch zusammenwirken.

Auf dieser Seite 8 Abschnitte

Kurzantwort

Der Vertragspartner ist die Partei eines konkreten Vertrags mit dem Kunden. Der Marktpartner nimmt im Energiemarkt eine festgelegte Marktrolle ein und tauscht in dieser Rolle standardisierte Nachrichten aus. Ein Lieferant kann beides zugleich sein: Vertragspartner des Kunden und Marktpartner des Netzbetreibers. Der Netzbetreiber kann Marktpartner sein, ohne Vertragspartner des Kunden für dessen Energielieferung zu sein.

Die Begriffe beschreiben daher zwei verschiedene Beziehungen. Der Vertrag beantwortet die Frage: „Wer hat dem Kunden etwas zugesagt?“ Die Marktrolle beantwortet: „Wer handelt im Prozess mit welcher Aufgabe und Kennung?“

Einordnung: Zwei Ebenen für denselben Fall

Am Stromanschluss treffen mehrere Ebenen aufeinander:

  • Kunde und Vertrag: Der Kunde schließt zum Beispiel einen Stromliefervertrag mit einem Lieferanten. Dieser Vertrag regelt Preis, Laufzeit und Abrechnung.
  • Marktrolle und Aufgabe: Der Lieferant meldet im regulierten Prozess Lieferbeginn oder Lieferende. Der Netzbetreiber verarbeitet die Meldung und stellt Netznutzung sowie Messprozesse sicher.
  • Nachricht und Kennung: Systeme übertragen strukturierte Nachrichten. Sie ordnen Absender und Empfänger einer Rolle zu. Im deutschen Strommarkt dient dafür etwa eine BDEW-Codenummer als Marktpartner-Identifikation. Eine solche Nummer muss je Rolle eindeutig sein, wie die BDEW-Codes-Stelle erklärt.

Das Energiewirtschaftsgesetz beschreibt die rechtlichen Akteure und Aufgaben. Die Prozessdokumente der Bundesnetzagentur konkretisieren, wie Marktrollen Nachrichten austauschen. Die Rolle ersetzt keinen Vertrag. Sie macht den Vertrag und die daraus entstehenden Prozessschritte maschinenlesbar.

Ein Unternehmen darf mehrere Rollen wahrnehmen. Für jede Rolle gelten eigene Aufgaben, Kommunikationsbeziehungen und gegebenenfalls eigene Kennungen. Deshalb reicht der Firmenname allein für eine Nachricht nicht aus.

Modell: Beziehung, Rolle und Nachricht

Die folgende Karte trennt die drei Fragen, die in Projekten häufig vermischt werden. Sie zeigt auch, warum ein einziger Geschäftsvorfall mehrere Partnerbeziehungen auslöst.

Vertrag über LieferungNachricht als LieferantNachricht alsNetzbetreiberMarktrolle + MP-IDMarktrolle + MP-IDMarktrolle + MP-IDKundeLieferantNetzbetreiberMessstellenbetreiberstandardisierterNachrichtenaustausch
Drei Fragen und ihre Wege: Der Kunde schließt den Liefervertrag mit dem Lieferanten, Nachrichten laufen dagegen über die Marktrollen von Lieferant, Netzbetreiber und Messstellenbetreiber, und jede Nachricht trägt die Marktrolle samt MP-ID als technische Zuordnung.

Die gestrichelten Verbindungen zeigen die technische Zuordnung einer Nachricht. Die durchgezogene Verbindung zeigt eine mögliche Vertragsbeziehung. Das Diagramm beantwortet damit die Lernfrage, welche Beziehung ein Vertrag und welche Beziehung eine Marktrolle beschreibt.

Vertragspartner: Wer schuldet wem etwas?

Ein Vertragspartner übernimmt Rechte und Pflichten aus einem Vertrag. Im Liefervertrag schuldet der Lieferant dem Kunden die vereinbarte Belieferung und Abrechnung. Der Kunde schuldet dem Lieferanten die Zahlung.

Der Netzbetreiber ist für den Zugang zum Netz und den Netzbetrieb zuständig. Seine Beziehung zum Anschlussnutzer kann aus einem separaten Netznutzungs- oder Anschlussverhältnis folgen. Diese Beziehung sagt noch nicht, wer die Energie liefert.

Auch ein Dienstleister kann im Auftrag des Vertragspartners handeln. Ein Callcenter beantwortet dann vielleicht Fragen, wird dadurch aber nicht automatisch zum Vertragspartner. Für die Marktkommunikation zählt die zugewiesene Rolle des verantwortlichen Marktteilnehmers.

Marktpartner: Wer handelt in welcher Rolle?

Die Bundesnetzagentur definiert im MPES-Dokument einen Marktpartner als Marktteilnehmer in einer Rolle. Diese kurze Definition ist entscheidend: Marktpartner bezeichnet die prozessuale Sicht auf einen Marktteilnehmer.

Typische Rollen im Strommarkt sind:

  • Lieferant: meldet und übernimmt die Belieferung einer Marktlokation.
  • Netzbetreiber: betreibt das Netz und koordiniert netzbezogene Prozesse.
  • Messstellenbetreiber: verantwortet den Messstellenbetrieb und liefert Messwerte nach den geltenden Prozessen.
  • Bilanzkreisverantwortlicher: trägt die Verantwortung für die ausgeglichene Bilanz seines Bilanzkreises.

Die konkrete Nachricht legt fest, welche Rolle sendet, welche Rolle empfängt und welche Daten die Nachricht enthält. In einer UTILMD-Nachricht stehen zum Beispiel Stammdaten und Zuordnungen. Die Nachricht weist eine Marktrolle aus und kann zugeordnete Marktpartner enthalten. Das verhindert, dass ein System nur nach dem Namen eines Unternehmens entscheidet.

Ablauf: Vom Kundenwunsch zur Nachricht

Nimmt ein Kunde einen neuen Liefervertrag auf, läuft der Vorgang vereinfacht so:

  1. Vertrag schließen: Der Kunde und der Lieferant vereinbaren die Belieferung. Der Lieferant erfasst die Marktlokation, den gewünschten Beginn und weitere erforderliche Angaben.
  2. Prozess starten: Der Lieferant übermittelt eine standardisierte Anmeldung an den zuständigen Netzbetreiber. Die Nachricht enthält Absender, Empfänger, Rollen und Referenzen auf die Marktlokation.
  3. Daten prüfen: Der Netzbetreiber prüft unter anderem die Lokation, den Zeitraum und konkurrierende Zuordnungen. Bei fehlenden oder widersprüchlichen Angaben sendet er eine Ablehnung oder fordert eine Korrektur nach dem geltenden Prozess.
  4. Zuordnung bestätigen: Bei erfolgreicher Prüfung ordnet der Prozess die Belieferung dem Lieferanten zu. Weitere Nachrichten gehen an beteiligte Rollen, etwa den Messstellenbetreiber.
  5. Abrechnung durchführen: Der Lieferant rechnet mit dem Kunden nach dem Vertrag ab. Marktpartner rechnen ihre jeweils eigenen Leistungen in den dafür vorgesehenen Beziehungen ab.

Der Kunde muss keine Marktkommunikationsnachricht versenden. Er ist der Auslöser des Geschäftsvorgangs, sofern er einen Vertrag abschließt oder ändert. Die standardisierten Nachrichten laufen zwischen den beteiligten Marktpartnern.

Die Rollenlogik hängt vom Prozess und von der Sparte ab. Im Gasmarkt gelten eigene Prozessvorgaben. Für Stromprozesse sind unter anderem die Festlegungen der Beschlusskammer 6 und die dazugehörigen Anwendungshilfen maßgeblich. Versionen können sich ändern. Ein produktives System muss deshalb mit dem gültigen AHB- und Formatstand arbeiten.

Vereinfachtes Beispiel: Ein Lieferantenwechsel

Anna Weber zieht am 1. Oktober in eine Wohnung ein. Sie schließt am 20. September einen Vertrag mit Lieferant Grün. Der Vertrag macht Lieferant Grün zu Annas Vertragspartner für die Stromlieferung.

Für die Marktkommunikation betrachtet das System eine konkrete Marktlokation mit ihrer eindeutigen Kennung. Lieferant Grün sendet als Lieferant eine Anmeldung an Netzbetrieb Mitte als Netzbetreiber. Die beiden Unternehmen handeln hier als Marktpartner. Netzbetrieb Mitte prüft den gewünschten Beginn gegen seine Stammdaten und die vorhandene Zuordnung.

Angenommen, die Anmeldung enthält eine falsche Marktlokations-ID. Dann kann der Netzbetreiber die Nachricht ablehnen. Anna bleibt Vertragspartnerin von Lieferant Grün. Der Vertrag allein korrigiert die fehlerhafte Nachricht nicht. Lieferant Grün muss die Daten prüfen und den Prozess mit einer korrekten Nachricht erneut ausführen.

Der Messstellenbetreiber kann an einem weiteren Prozessschritt beteiligt sein. Er wird dadurch nicht automatisch Vertragspartner von Anna für die Lieferung. Seine Rolle betrifft den Messstellenbetrieb.

Folgen und Fehlerfälle

Falsche Rolle trotz richtigem Unternehmen

Ein Konzern kann Lieferant und Netzbetreiber in getrennten Unternehmen betreiben. Selbst wenn eine Nachricht an den richtigen Konzern adressiert ist, kann die Rollenkennung falsch sein. Das empfangende System weist die Nachricht dann zurück oder verarbeitet sie im falschen Prozess.

Vertragspartner und Absender fallen auseinander

Ein Dienstleister kann Nachrichten technisch versenden. Verantwortlich bleibt die Marktrolle des Auftraggebers, wenn der Dienstleister als dessen Kommunikationsdienstleister arbeitet. Die technische Absenderadresse und die fachliche Marktpartner-ID müssen zusammenpassen.

Mehrere Verträge an einer Lokation

Ein Kunde kann an einer Marktlokation einen Liefervertrag und weitere Vereinbarungen haben. Der Prozess muss den betroffenen Vertrag und die betroffene Rolle auseinanderhalten. Eine Nachricht zur Messung ersetzt keine Lieferanmeldung.

Veraltete Stammdaten

Ändert ein Unternehmen seine Adresse, Marktpartner-ID oder Rollenbesetzung, müssen die Kommunikationspartner den gültigen Stammdatenstand verwenden. Die Bundesnetzagentur nutzt dafür strukturierte Stammdatenprozesse. Freitext per E-Mail reicht für die reguläre Zuordnung nicht aus.

Abweichende Prozessversion

Eine Nachricht kann syntaktisch gültig wirken und trotzdem fachlich nicht zum aktuellen Prozess passen. Das passiert etwa, wenn ein System eine alte Nachrichtenbeschreibung oder ein altes Anwendungshandbuch nutzt. Der Betreiber muss Formatversion, Prozessversion und Rollenmodell gemeinsam prüfen.

Typische Missverständnisse

„Marktpartner ist der Kunde.“

Im standardisierten Nachrichtenaustausch bezeichnet Marktpartner den Marktteilnehmer in einer Marktrolle. Der Kunde kann Vertragspartner des Lieferanten sein. Für die hier beschriebenen Marktprozesse tritt er gewöhnlich nicht als sendender Marktpartner auf.

„Jede Vertragspartei ist automatisch Marktpartner.“

Eine Vertragspartei wird erst dann als Marktpartner relevant, wenn sie eine definierte Marktrolle in einem Marktprozess ausübt. Ein Kunde mit einem Liefervertrag ist deshalb nicht automatisch mit einer MP-ID in der Marktkommunikation aktiv.

„Eine Firma hat eine einzige Marktpartner-ID.“

Die BDEW-Codenummern-Stelle weist darauf hin, dass die Nummer je Rolle eindeutig sein muss. Ein Unternehmen kann daher für verschiedene Rollen getrennte Kennungen führen. Die Nachricht muss die passende Kennung verwenden.

„Der Marktpartner ist immer der Vertragspartner des Kunden.“

Der Lieferant erfüllt häufig beide Funktionen. Beim Messstellenbetreiber oder Netzbetreiber kann die Marktrolle aus einer anderen gesetzlichen oder vertraglichen Beziehung folgen. Prüfe deshalb immer den konkreten Vertrag und den konkreten Prozess.

Quellen und Pflegehinweis

Dieser Artikel stützt die Begriffe auf das Energiewirtschaftsgesetz, die Prozessdefinition MPES und die von der Bundesnetzagentur veröffentlichten UTILMD-Unterlagen. Die Erklärung zur rollenbezogenen Identifikation folgt der BDEW-Codenummern-Stelle.

Geprüft am 10. September 2026. Bei einer Pflege sind vor allem das Rollenmodell, die BDEW-Anwendungshilfe, die gültigen UTILMD-Nachrichtenbeschreibungen sowie die jeweiligen Festlegungen der Bundesnetzagentur erneut zu prüfen. Prozessnamen, Rollen und Kennungsregeln können sich mit einer neuen Version ändern.

Primärquellen zum Nachlesen