nNick Energy Atlas
Messwerte und Messprodukte

04Messwesen & Smart Metering

Messwerte und Zählerstandsgänge

Wie Messwerte entstehen, aufbereitet und übermittelt werden, worin sich Lastgang, Zählerstandsgang und Zählerstand unterscheiden und welche Rolle Zeitbezug, Werteart und Status spielen.

Moderner Zählerschrank mit digitalem Stromzähler und Smart-Meter-Gateway
Messung wird erst durch Kennungen, Rollen und Datenflüsse zum Marktprozess.
Auf dieser Seite 13 Abschnitte

Kurzantwort

Ein Messwert ist mehr als eine Zahl. Er beschreibt eine Energiemenge oder einen Zählerstand mit Zeitbezug, Werteart, Auflösung und Status. Das Messstellenbetriebsgesetz definiert Messwerte als Angaben über vom Anschlussnutzer über einen bestimmten Zeitraum entnommene, erzeugte oder eingespeiste Energiemengen. MsbG § 2 Der Messstellenbetreiber ermittelt die Werte an der Messlokation, bereitet sie auf und übermittelt sie an die berechtigten Empfänger. Welcher Empfänger welchen Wert erhält, bestimmt der Wertebedarf aus den Prozessen.

Drei Wertformen prägen die Praxis: der Lastgang, der Zählerstandsgang und der Zählerstand. Der Lastgang ist eine Zeitreihe von Energiemengen je Intervall, der Zählerstandsgang eine Reihe von Zählerständen in kurzen Abständen, der Zählerstand ein einzelner Stand zu einem Zeitpunkt. Mit intelligenten Messsystemen werden Last- und Zählerstandsgänge für Marktlokationen seit dem 6. Juni 2025 umfassend an die berechtigten Empfänger versendet. Die Regeln dazu stehen in WiM Strom Teil 2, Fokus Übermittlung von Werten. BK6-24-174

MeLo mitMesseinrichtung / iMSysRohwertAufbereitung:Plausibilisierung,Ersatzwerte, StatusWertform:Lastgang /Zählerstandsgang /ZählerstandÜbermittlung anLF, NB, ÜNBals MSCONS
Ein Messwert entsteht an der Messlokation, wird beim Messstellenbetreiber aufbereitet und mit Kontext an die berechtigten Empfänger übermittelt.
Display einer modernen Messeinrichtung mit markierter OBIS-Kennzahl 1.8.0 vor dem Zählerstand
Eine moderne Messeinrichtung liefert die Rohwerte. Die OBIS-Kennzahl 1.8.0 auf dem Display benennt die Messgröße, hier die bezogene Wirkarbeit. Erst mit Zeitbezug, Auflösung und Status wird daraus ein verwendbarer Messwert.Foto: RobbieIanMorrison / Wikimedia Commons – CC BY 4.0, Markierungen ergänzt
Messwerte & Zählerstandsgängeein Wert mit Kontext
1 · Entstehung an der MesslokationZählwerk, Register, Messrichtung
MeLo→Messeinrichtung / iMSys→Rohwert
2 · Aufbereitung beim Messstellenbetreiberaus Rohdaten werden Werte
Messwertaufbereitung→Plausibilisierung→Ersatzwertbildung→Status setzen

Der MSB prüft die Rohdaten und kennzeichnet das Ergebnis. Ein Wert ohne Status und Zeitbezug ist für die Marktkommunikation nicht verwendbar.

3 · Form und Zeitbezugwie ein Wert beschrieben wird
Lastgang

Zeitreihe mit fester Auflösung, bei RLM typischerweise viertelstündlich.

Zählerstandsgang

Reihe viertelstündig ermittelter Zählerstände elektrischer Arbeit, geregelt im MsbG.

Zählerstand / Tageswert

einzelne Ablesung oder Tageswert einer modernen Messeinrichtung.

4 · Übermittlung an berechtigte EmpfängerWiM Teil 2 und Wertebedarf
MSB→Lieferant · Netzbetreiber · ÜNB⇄Nutzung in Abrechnung / Bilanzierung

Die Übermittlung erfolgt in der dafür vorgesehenen Nachricht (bei EDIFACT als MSCONS). Welcher Empfänger welchen Wert erhält, bestimmt der Wertebedarf aus den Prozessen, nicht eine pauschale Verteilung.

Messwerte sind keine bloßen Zählerstände für die Rechnung. Zeitraum, Werteart, Auflösung, Status und Empfänger machen aus einer Zahl einen verarbeitbaren Messwert. Der Zählerstandsgang ist vom Lastgang zu unterscheiden.

15 Minutenübliches Raster für Last- und Zählerstandsgänge im Strom
60 MinutenRaster für Zählerstandsgänge bei Gasmengen nach MsbG § 2
6. Juni 2025Start der umfassenden Gangdaten-Versendung für iMSys-Marktlokationen
3 AchsenZeitbezug, Werteart und Status machen aus einer Zahl einen Messwert
MSCONSEDIFACT-Nachrichtentyp für Zählerstände und Zeitreihen

Was einen Messwert ausmacht

Ein Messwert ohne Kontext ist wertlos. Erst die Angaben zu Zeitraum, Messlokation, Werteart und Status machen ihn verarbeitbar. Der Empfänger muss wissen, für welchen Zeitraum der Wert gilt, an welcher Messlokation er entstanden ist und ob er gemessen, hochgerechnet oder geschätzt wurde.

Der Zeitbezug ist die erste Achse. Ein Zählerstand gilt zu einem Zeitpunkt, ein Lastgangwert für ein Zeitintervall. Wer Zeitpunkte und Intervalle verwechselt, ordnet Mengen falschen Abrechnungszeiträumen zu. Die Prozesse legen deshalb fest, welche zeitliche Auflösung ein Wert besitzt und für welchen Zeitraum er gilt. Auflösung meint das Raster der Zeitreihe. Im Strom ist das Viertelstundenraster üblich, bei Gasmengen das Stundenraster.

Die Werteart ist die zweite Achse. Sie beschreibt, was gemessen wurde, etwa eine Bezugsmenge, eine Einspeisemenge oder ein Lastgang. Die Messrichtung bestimmt, ob Energie aus dem Netz entnommen oder in das Netz eingespeist wurde. An einer Messlokation mit Erzeugung entstehen mehrere Wertearten parallel. Für die technische Kennzeichnung der Messgröße und der Messrichtung dienen OBIS-Kennzahlen. Welche Kennzahl für welchen Wert gilt, steht in den Codelisten von EDI@Energy und den Anwendungshandbüchern. Dieser Artikel nennt keine einzelnen Kennzahlen, weil sie sich mit den Formatständen ändern.

Der Status ist die dritte Achse. Er sagt, wie der Wert zustande kam. Ein gemessener Wert hat eine andere Qualität als ein ersatzgebildeter Wert. Empfänger wie Netzbetreiber und Übertragungsnetzbetreiber bewerten die Werte anhand des Status, bevor sie sie für Abrechnung oder Bilanzierung verwenden.

Der Empfänger ist die vierte Angabe. Ein Wert wandert nicht ins Leere, sondern an eine bestimmte Marktrolle mit einem bestimmten Bedarf. Aus Wertform, Auflösung und Empfänger ergibt sich, welche Nachricht der Messstellenbetreiber baut und welche Felder er füllt.

Angabe Frage Beispiel
Menge Wie viel Energie 4,812 kWh im Intervall
Zeitbezug Zeitpunkt oder Intervall, welcher Zeitraum Intervall 08:00 bis 08:15 am 3. September
Werteart und Messrichtung Was wurde gemessen, Bezug oder Einspeisung Bezugsmenge elektrischer Arbeit
Auflösung Welches Raster hat die Zeitreihe viertelstündlich
Status gemessen, ersatzgebildet, korrigiert ersatzgebildet nach Ausfall
Empfänger Wer erhält den Wert und warum Lieferant für die Abrechnung

Lastgang, Zählerstandsgang und Zählerstand

Die drei Wertformen unterscheiden sich in dem, was übermittelt wird, und in dem, was der Empfänger daraus rechnen muss. Der Lastgang liefert direkt die Energiemenge je Intervall. Der Zählerstandsgang liefert die Zählerstände in kurzen Abständen, aus denen sich die Verbräuche als Differenz zweier Stände ergeben. Der Zählerstand liefert einen einzelnen Wert zu einem Zeitpunkt, aus dem sich mit einem zweiten Stand eine Verbrauchsmenge für den Zeitraum dazwischen bilden lässt.

Das Messstellenbetriebsgesetz definiert die Zählerstandsgangmessung als die Messung einer Reihe viertelstündig ermittelter Zählerstände von elektrischer Arbeit und stündlich ermittelter Zählerstände von Gasmengen. MsbG § 2 Die Stromnetzzugangsverordnung nutzt den Zählerstandsgang als Grundlage für eine eigene Bilanzierungsvariante. StromNZV § 2

Merkmal Zählerstand / Tageswert Lastgang Zählerstandsgang
Was wird übermittelt einzelner Zählerstand zu einem Zeitpunkt, daraus Tages- oder Jahresmenge Energiemenge je Zeitintervall Reihe von Zählerständen im festen Raster
Auflösung punktuell, Ablesung oder Stichtag viertelstündlich im Strom, stündlich bei Gas viertelstündlich im Strom, stündlich bei Gas
Ableitung der Menge Differenz zweier Stände direkt aus dem Wert Differenz aufeinanderfolgender Stände
Rechtsgrundlage MsbG, GPKE und WiM für Ablesung und Übermittlung MsbG, registrierende Leistungsmessung, MaBiS MsbG § 2, StromNZV § 2 für die Bilanzierung
Typische Messmethode einfache Messung mit SLP-Zuordnung RLM mit Lastgangzähler iMSys mit Smart-Meter-Gateway
Typischer Einsatz Jahresabrechnung, Zwischenablesung, Abgrenzung bei Wechsel Bilanzierung und Abrechnung großer Verbraucher fernausgelesene Abrechnung, Ersatz für den Lastgang, lastvariable Tarife

Für die Systeme bedeutet die Unterscheidung eine unterschiedliche Verarbeitung. Ein Lastgang kann direkt in die Bilanzierung fließen. Ein Zählerstandsgang muss erst in Mengen je Intervall überführt werden, bevor er dieselbe Rolle spielt. Ein einzelner Zählerstand braucht immer einen Bezugspunkt, sonst ergibt sich keine Menge. Wer die Formen gleich behandelt, erzeugt falsche Mengen.

Entstehung und Aufbereitung

Am Anfang steht die Messung an der Messlokation. Die Messeinrichtung erfasst die physikalische Größe, bei einem intelligenten Messsystem über das Smart-Meter-Gateway. Das Gesetz beschreibt die Messeinrichtung als Messgerät, das allein oder mit anderen Geräten für die Gewinnung eines oder mehrerer Messwerte eingesetzt wird. MsbG § 2 Aus der Messung entstehen Rohdaten, die noch nicht für die Marktkommunikation geeignet sind.

Der Messstellenbetreiber bereitet die Rohdaten auf. Er prüft die Werte auf Plausibilität, überbrückt ausgefallene Messwerte durch Ersatzwerte und setzt den passenden Status. Das Messstellenbetriebsgesetz fasst Plausibilisierung und Ersatzwertbildung als rechnerische Vorgänge, die ausgefallene Messwerte oder Messwertreihen überbrücken oder unplausible Messwerte korrigieren. MsbG § 2

Messung an derMesslokationRohwerte imMesssystemPlausibilisierungbeim MSBErsatzwertbildungbei LückenStatuskennzeichnungWertform:Lastgang /Zählerstandsgang /ZählerstandÜbermittlungals MSCONS
Von der Messung an der Messlokation über die Aufbereitung beim Messstellenbetreiber bis zur Übermittlung: an jeder Station kommt Kontext hinzu.

Die Aufbereitung folgt Regeln, nicht Ermessen. Ein fehlender Wert wird nach einem definierten Verfahren ersetzt, ein unplausibler Wert korrigiert. Der Empfänger muss erkennen können, dass ein Wert ersatzgebildet wurde. Deshalb gehört der Status untrennbar zum Wert. Wer Ersatzwerte wie gemessene Werte behandelt, verfälscht Abrechnung und Bilanzierung.

Neben der Prüfung gehört die Zuordnung zur Aufbereitung. Jeder Wert braucht eine eindeutige Verbindung zur Messlokation und zur Marktlokation, damit der Empfänger ihn dem richtigen Vertrag und dem richtigen Bilanzkreis zuweisen kann. Verschiebt sich diese Zuordnung, landet eine Menge beim falschen Marktpartner.

Status und Qualität

Ein Wert trägt seine Herkunft mit sich. Die Marktkommunikation kennzeichnet, ob ein Wert gemessen wurde, ob er aus einer Ersatzwertbildung stammt oder ob er eine frühere Lieferung korrigiert. Diese Kennzeichnung ist kein Beiwerk. Sie entscheidet, ob ein Empfänger den Wert sofort verwendet, ihn vorläufig verbucht oder ihn in eine Klärung gibt.

Herkunft des Werts Bedeutung Umgang beim Empfänger
gemessen direkt aus der Messeinrichtung, plausibel für Abrechnung und Bilanzierung verwendbar
ersatzgebildet Lücke rechnerisch überbrückt vorläufig verbuchen, Korrektur erwarten
korrigiert ersetzt einen früher gelieferten Wert Folgeprozesse neu bewerten

Die genauen Statuskennungen und ihre Codes stehen in den Anwendungshandbüchern zum jeweiligen Prozess und ändern sich mit den Formatständen. Fachlich zählt die Unterscheidung dahinter: Ein Wert mit voller Qualität, ein Wert als Platzhalter, ein Wert als Berichtigung.

Warum ein Wert mehr als eine Zahl ist

Zwei Marktpartner können denselben Zahlenwert für dasselbe Intervall führen und trotzdem zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Der eine hat einen gemessenen Wert, der andere einen Ersatzwert, der später korrigiert wird. Ohne Status bleibt der Unterschied unsichtbar, bis die Bilanzkreisabrechnung ihn als Abweichung sichtbar macht. Der Status ist die Information, die eine spätere Korrektur überhaupt erst sauber verarbeitbar macht.

Korrekturen haben rückwirkende Folgen. Kommt ein berichtigter Wert Wochen nach der ersten Lieferung, betrifft er bereits erstellte Rechnungen, bereits gemeldete Bilanzkreissummen und bereits erstellte Prognosen. Die Prozesse der Marktkommunikation sehen für solche Berichtigungen eigene Wege vor. Der Empfänger muss den neuen Wert übernehmen und die betroffenen Folgeprozesse anstoßen. Wer Korrekturen nur ablegt, aber nicht verarbeitet, rechnet mit veralteten Zahlen weiter.

RLM und SLP: zwei Wege durch Abrechnung und Bilanzierung

Wie ein Verbrauch in die Abrechnung und die Bilanzierung kommt, hängt von der Messung an der Marktlokation ab. Bei registrierender Leistungsmessung liegt ein gemessener Lastgang vor, der direkt verwendet wird. Bei einfacher Messung ordnet der Netzbetreiber der Marktlokation ein Standardlastprofil zu und schätzt den zeitlichen Verlauf, bis die nächste Ablesung die Jahresmenge festlegt. Bei intelligenten Messsystemen tritt der Zählerstandsgang an die Stelle des geschätzten Profils.

MarktlokationRLMLastgangmessungSLPStandardlastprofiliMSysZählerstandsgangBilanzkreis,MaBiS-AbrechnungLieferant:Beschaffung undEndkundenabrechnung
Drei Messkonstellationen, ein Ziel: die Marktlokation wird bilanziert und ihre Menge fließt zum Lieferanten.
Merkmal Registrierende Leistungsmessung Standardlastprofil
Zeitlicher Verlauf gemessener Lastgang je Intervall synthetisches oder analytisches Profil, geschätzt
Datenfluss Lastgang vom MSB an NB, LF und ÜNB Profilzuordnung durch NB, Jahresmenge aus Ablesung
Abrechnung leistungs- und arbeitsbezogen, oft monatlich arbeitsbezogen, meist jährlich
Bilanzierung mit gemessenem Lastgang mit Profil, Ausgleich über Mehr- und Mindermengen
Korrekturaufwand einzelne Intervalle Neuabgrenzung ganzer Zeiträume bei Ablesekorrektur

Der Zählerstandsgang aus dem intelligenten Messsystem verschiebt viele Marktlokationen aus der Profilwelt in die gemessene Welt. Damit sinkt der Bedarf an Mehr- und Mindermengenausgleich, und die Bilanzierung wird genauer. Zugleich steigt die Datenmenge, weil aus einer Jahresablesung viele tausend Werte pro Jahr werden.

Übermittlung: MSCONS und Wertebedarf

Die Übermittlung der Werte regelt WiM Strom Teil 2 im Fokus Übermittlung von Werten. BK6-24-174 Lesefassung Der Messstellenbetreiber sendet die Werte an die berechtigten Empfänger. Berechtigt ist, wer die Werte für seine Aufgabe benötigt: der Lieferant für die Abrechnung, der Netzbetreiber für die Netznutzung und die Netzabrechnung, der Übertragungsnetzbetreiber für die Bilanzierung.

Die technische Übermittlung erfolgt in standardisierten Nachrichten. Im EDIFACT-Umfeld übernimmt das der Nachrichtentyp MSCONS auf Basis von UN/EDIFACT D.04B. Die Nachricht transportiert die Werte samt Zeitbezug, Werteart und Status. Welche Segmente und Felder gefüllt sein müssen, bestimmt das Anwendungshandbuch zum jeweiligen Prozess. EDI@Energy

Empfänger Wertebedarf Typische Wertform
Lieferant Endkundenabrechnung, Verbrauchsprognose, Tarifabrechnung Zählerstände, Lastgang oder Zählerstandsgang je nach Messung
Netzbetreiber Netznutzungsabrechnung, Netzbilanz, Weiterleitung an ÜNB Lastgang, Zählerstandsgang, Zählerstände
Übertragungsnetzbetreiber Bilanzkreisabrechnung, Ausgleichsenergie aggregierte Zeitreihen aus der Bilanzierung
Messstellenbetreiber Aufbereitung, Ersatzwertbildung, Weitergabe Rohwerte und aufbereitete Werte

Ein häufiger Fehler ist die Annahme, der Messstellenbetreiber sende alle Werte an alle Beteiligten. Tatsächlich bestimmt der Wertebedarf die Verteilung. Ein Lieferant ohne registrierende Leistungsmessung erhält keine Lastgänge. Ein Netzbetreiber erhält die Werte, die er für seine Netznutzung braucht. Wer die Verteilung pauschalisiert, verletzt die Datenhoheit und erzeugt unnötigen Datenverkehr.

HAN-Auslesegerät an einem digitalen Zähler, an der Kundenschnittstelle angebracht
Ein HAN-Auslesegerät greift die Werte an der lokalen Kundenschnittstelle ab. Es zeigt, wie fein die Auflösung eines Zählerstandsgangs sein kann.Foto: Michael32710 / Wikimedia Commons – CC BY-SA 4.0

Datenschutz bei hoher Auflösung

Zählerstandsgänge sind personenbezogene Verlaufsdaten

Eine viertelstündliche Reihe von Zählerständen zeigt, wann jemand aufsteht, kocht, das Haus verlässt und schläft. Je feiner die Auflösung, desto genauer das Verhaltensprofil. Deshalb übermittelt der Messstellenbetreiber Gangdaten nur an berechtigte Stellen und nur in dem Umfang, den der jeweilige Prozess verlangt. Die Weiterentwicklung der Marktkommunikation greift diese Frage im Verfahren zum MaBiS-Hub auf, das eine datenschutzkonforme Verarbeitung durch Pseudonymisierung sicherstellen soll.

Die Pseudonymisierung trennt den Verbrauchsverlauf von der Identität des Anschlussnutzers. Für die Bilanzierung reicht die aggregierte oder pseudonyme Zeitreihe, weil dort die Summe je Bilanzkreis zählt, nicht die einzelne Person. Für die Endkundenabrechnung braucht der Lieferant dagegen den Bezug zum Vertrag. Die Prozesse unterscheiden diese Zwecke und begrenzen die Detailtiefe je Empfänger. MaBiS Hub

Zählerstandsgänge für intelligente Messsysteme

Mit intelligenten Messsystemen ändert sich der Wertefluss grundlegend. Die Messsysteme liefern nicht nur einzelne Zählerstände, sondern kontinuierlich Last- und Zählerstandsgänge. Das Messstellenbetriebsgesetz verlangt die standardmäßige Verarbeitung dieser Daten. Die Marktkommunikation wurde dafür mit dem Verfahren BK6-24-174 angepasst. BK6-24-174

Seit dem 6. Juni 2025 werden Last- oder Zählerstandsgänge für Marktlokationen mit intelligenten Messsystemen umfassend an die berechtigten Empfänger versendet. Für Lieferanten bedeutet das neue Datenmengen und neue Verarbeitungswege. Wer bisher nur Zählerstände verarbeitet hat, muss seine Systeme auf Zeitreihen umstellen.

Der Zählerstandsgang ist auch die technische Grundlage für die Zählerstandsgangbilanzierung nach der Stromnetzzugangsverordnung. StromNZV § 2 Diese Bilanzierungsvariante schließt die Lücke zwischen Standardlastprofil und registrierender Leistungsmessung. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass lastvariable und dynamische Stromtarife im Haushaltssegment sauber abgerechnet werden können. Das Energiewirtschaftsgesetz verpflichtet Stromlieferanten, dynamische Tarife anzubieten. EnWG § 41a Ohne verlässliche Viertelstundenwerte je Marktlokation bleibt ein dynamischer Tarif eine Rechnung ohne Grundlage.

Bedeutung für SAP IS-U

In SAP-IS-U-Systemen verarbeitet das Energiedatenmanagement die Werte. Das EDM speichert Zeitreihen, bildet aus den Messwerten Profilwerte und stellt der Abrechnung eine Abrechnungsmenge bereit. Die Werte aus der Marktkommunikation müssen in diese Zeitreihen überführt werden, damit Abrechnung und Bilanzierung darauf aufbauen können.

Die erste Herausforderung ist die Zuordnung. Jeder eingehende Wert muss der richtigen Messlokation, der richtigen Zeitreihe und dem richtigen Zeitraum zugeordnet werden. Ein falscher Zeitbezug verfälscht die Abrechnung, ein fehlender Status führt zu falschen Bewertungen. Die Verarbeitung braucht Prüfungen, die über die reine Syntaxprüfung der Nachricht hinausgehen.

Die zweite Herausforderung ist die Menge. Ein Zählerstandsgang erzeugt rund 35.000 Werte je Marktlokation und Jahr. Für einen Bestand mit vielen intelligenten Messsystemen summiert sich das zu Zeitreihenvolumina, die Speicherung, Aggregation und Abrechnungslauf tragen müssen. Wer die Werteverarbeitung nicht auf dieses Volumen auslegt, bekommt Laufzeitprobleme im Abrechnungslauf.

Die dritte Herausforderung sind die Korrekturen. Kommt ein korrigierter Wert nach der ersten Übermittlung, muss das EDM die betroffene Zeitreihe versionieren, die abgeleiteten Profilwerte neu bilden und die Abrechnung zur Neuberechnung anstoßen. Ein System, das nur den letzten Stand speichert, verliert die Nachvollziehbarkeit.

Wertequalität und Verarbeitungskette

Die Qualität der Werte entscheidet über die Qualität der nachgelagerten Prozesse. Ein fehlerhafter Lastgang verfälscht die Bilanzierung, ein falscher Zählerstand die Abrechnung. Deshalb lohnt der Blick auf die gesamte Verarbeitungskette, vom Rohwert bis zur Verwendung im Fachprozess.

Die Kette beginnt mit der Messung an der Messlokation. Danach folgt die Übertragung an den Messstellenbetreiber, die Aufbereitung mit Plausibilisierung und Ersatzwertbildung sowie die Speicherung in den Wertesystemen. Anschließend übermittelt der Messstellenbetreiber die Werte an die Empfänger, die sie in ihre eigenen Systeme übernehmen und weiterverarbeiten.

An jeder Station kann Qualität verloren gehen. Eine falsche Konfiguration erzeugt falsche Rohwerte, ein fehlerhafter Zeitbezug verschiebt Mengen, ein übersehener Ersatzwertstatus führt zu falschen Schlüssen. Prüfungen an jeder Station fangen diese Fehler ab. Wer nur am Ende der Kette prüft, findet Fehler zu spät.

Für SAP-IS-U-Berater heißt das: Die Werteverarbeitung braucht ein Qualitätskonzept, keine Einzelprüfungen. Das System muss erkennen, welche Werte gemessen, ersatzgebildet oder korrigiert wurden, und diese Information bis in die Abrechnung tragen. Ein Lastgang für die Bilanzierung durchläuft andere Prüfungen als ein Zählerstand für die Kundenabrechnung.

Praxisbeispiel: Ein fehlender Viertelstundenwert und seine Korrektur

Eine Marktlokation ist mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet. Der Lieferant erhält täglich den Zählerstandsgang und rechnet daraus die Viertelstundenmengen. An einem Tag fällt die Kommunikation für zwei Stunden aus. Für acht Intervalle fehlt der gemessene Zählerstand.

Der Messstellenbetreiber erkennt die Lücke bei der Plausibilisierung. Er bildet für die betroffenen Intervalle Ersatzwerte nach dem festgelegten Verfahren und kennzeichnet sie im Status als ersatzgebildet. Der Zählerstandsgang wird vollständig versendet, aber acht Werte tragen den Ersatzwertstatus. Der Lieferant verbucht diese Werte vorläufig und markiert die Marktlokation für eine spätere Prüfung.

Zehn Tage später liegt der echte Auslesewert vor. Der Messstellenbetreiber ersetzt die acht Ersatzwerte durch die gemessenen Werte und sendet einen Korrekturdatensatz mit entsprechendem Status. Der Lieferant übernimmt die korrigierten Werte, bildet die abgeleiteten Profilwerte neu und stellt die betroffene Abrechnung nach. Der Netzbetreiber und der Übertragungsnetzbetreiber verarbeiten die Korrektur in ihren Bilanzierungsprozessen.

Tag D:acht ViertelstundenwertefehlenMSB bildetErsatzwerteVersand mit StatusersatzgebildetLF verbuchtvorläufigTag D plus 10:gemessene Werteliegen vorMSB sendetKorrekturdatensatzLF, NB und ÜNBstellen nach
Ein fehlender Wert wird zunächst durch einen Ersatzwert überbrückt und später durch den gemessenen Wert korrigiert. Der Status macht jeden Schritt nachvollziehbar.

Das Beispiel zeigt: Die Umstellung auf Zählerstandsgänge ist kein Formatwechsel, sondern eine Änderung der Werteverarbeitung. Wer nur das Format austauscht, übersieht die neuen Anforderungen an Statusauswertung, Zwischenspeicherung und Nachberechnung. Für die kommenden Jahre ist mit weiter wachsenden Wertemengen zu rechnen, je mehr Messstellen mit intelligenten Messsystemen ausgestattet werden. Die Richtung ist klar: weg von einzelnen Ablesungen, hin zu kontinuierlichen Zeitreihen mit Statushistorie.

Typische Missverständnisse

„Ein Messwert ist einfach ein Zählerstand.“
Nein. Ein Messwert trägt Zeitbezug, Werteart, Auflösung und Status. Ohne diese Angaben ist er nicht verarbeitbar.

„Lastgang und Zählerstandsgang sind dasselbe.“
Nein. Der Lastgang liefert Energiemengen je Intervall, der Zählerstandsgang liefert Zählerstände in kurzen Abständen, aus denen die Mengen als Differenz gebildet werden.

„Der Messstellenbetreiber sendet alle Werte an alle.“
Nein. Er übermittelt nur an berechtigte Empfänger und nur den Umfang, den der Wertebedarf verlangt.

„Ersatzwerte sind wie gemessene Werte zu behandeln.“
Nein. Ersatzwerte tragen einen eigenen Status, werden vorläufig verbucht und meist später korrigiert.

„Zählerstandsgänge betreffen nur das Messwesen.“
Nein. Sie verändern die Werteverarbeitung bei Lieferanten, Netzbetreibern und in der Bilanzierung und sind die Grundlage für dynamische Tarife.

Quellen und Pflegehinweis

Die Übermittlung von Werten ist in WiM Strom Teil 2 beschrieben, die Begriffe im Messstellenbetriebsgesetz, die Bilanzierungsvariante in der Stromnetzzugangsverordnung. Die Formatdetails zu MSCONS, Statuskennungen und OBIS-Kennzahlen stehen in den Anwendungshandbüchern von EDI@Energy. Die Anforderungen an Zählerstandsgänge und Pseudonymisierung entwickeln sich mit den Festlegungen und dem MaBiS-Hub-Verfahren weiter. Deshalb vor jeder Umsetzung den aktuellen Stand prüfen.

Abrufdatum aller Quellen: 8. September 2026.

Primärquellen zum Nachlesen