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Kurzantwort
Marktkommunikation läuft nicht zwischen Unternehmen, sondern zwischen Marktrollen. Ein Unternehmen, das Stromnetze betreibt und zugleich Strom verkauft, tritt in einer Nachricht als Netzbetreiber auf und in der nächsten als Lieferant. Welche Rolle für einen Prozessschritt zuständig ist, legt die Prozessfestlegung fest. Sender und Empfänger einer Nachricht identifizieren sich über eine Marktpartner-Identifikationsnummer (MP-ID), im Strommarkt über die BDEW-Codenummer.
Für SAP-IS-U-Berater heißt das: Rollen sind kein Organisationsdetail, sondern Steuerungsmerkmal. Ein Vorgang ist erst dann korrekt verarbeitet, wenn das System weiß, in welcher Rolle das eigene Unternehmen handelt und welche Rolle der Marktpartner innehat.
Die Bundesnetzagentur konkretisiert das Gesetz über Beschlusskammern; für kleinere Netze sind teilweise Landesregulierungsbehörden zuständig.
Lieferant – Belieferung des Kunden, Zuordnung zum Bilanzkreis.
Verteilnetzbetreiber – Netzbetrieb, Netznutzung; ggf. grundzuständiger Messstellenbetrieb (eigene Rolle).
Übertragungsnetzbetreiber – Höchstspannung, Regelzone, Bilanzkoordination.
Messstellenbetreiber – Betrieb der Messstelle, Messwerte; grundzuständig oder wettbewerblich (wMSB).
Bilanzkreisverantwortlicher – Prognose, Bilanzkreis, Ausgleichsenergie.
Letztverbraucher – Vertragspartner des Lieferanten, kein Sender in der Marktkommunikation.
Ein Unternehmen kann mehrere Rollen gleichzeitig tragen. In der Marktkommunikation zählt die Rolle plus die Marktpartner-ID (BDEW-Codenummer), nicht der Firmenname.
Was eine Marktrolle von einem Unternehmen unterscheidet
Eine Marktrolle beschreibt eine fachliche Verantwortung in einem Prozess. Der Lieferant beliefert eine Marktlokation kaufmännisch. Der Netzbetreiber ordnet die Marktlokation in seinem Netz zu. Der Messstellenbetreiber führt den Messstellenbetrieb durch. Der Übertragungsnetzbetreiber verantwortet die Regelzone und bilanzierungsbezogene Aufgaben. Der Bilanzkreisverantwortliche führt den Bilanzkreis.
Ein Unternehmen kann mehrere dieser Rollen gleichzeitig wahrnehmen. Die Prozessregeln zwingen es dann nicht zu einer organisatorischen Trennung. Wohl aber verlangen sie, dass jede Nachricht eindeutig einer Rolle zugeordnet werden kann. Dafür vergibt die Bundesnetzagentur beziehungsweise die Codevergabestelle eigene Betriebsnummern je Marktrolle. Die GPKE spricht in diesem Zusammenhang vom Marktteilnehmer als natürlicher oder juristischer Person und vom Marktpartner als Marktteilnehmer in einer Rolle.
Aus dieser Trennung folgt ein häufiger Fehler in Projekten: Wer Marktpartner nur als Geschäftspartner mit einem einzigen Schlüssel führt, kann nicht abbilden, dass derselbe Partner in einem Prozess Lieferant und im nächsten Messstellenbetreiber ist. Die Marktrolle muss deshalb als eigenes Merkmal der Kommunikation geführt werden.
Die Rollen im Überblick
| Marktrolle | Verantwortung in der Marktkommunikation | Typische Nachrichtenrolle |
|---|---|---|
| Lieferant (LF) | Beliefert Marktlokationen, schließt Lieferverträge, ordnet Mengen seinem Bilanzkreis zu | stößt Lieferbeginn, Lieferende, Stammdatenänderungen an |
| Netzbetreiber (NB) | vergibt MaLo-IDs, ordnet Marktlokationen im Netz zu, prüft Anmeldungen | bestätigt oder lehnt Zuordnungen ab |
| Messstellenbetreiber (MSB) | betreibt die Messstelle, ermittelt und übermittelt Werte | beginnt oder beendet den Messstellenbetrieb, liefert Messwerte |
| Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) | führt Regelzone und Bilanzkreisabrechnung | empfängt Fahrpläne und bilanzierungsrelevante Zeitreihen |
| Bilanzkreisverantwortlicher (BKV) | verantwortet den Bilanzkreis gegenüber dem ÜNB | meldet Fahrpläne, gleicht Bilanzkreise ab |
Der Kunde, der Anschlussnutzer oder der Anlagenbetreiber löst einen Vorgang aus, ist aber nicht automatisch Marktpartner in der elektronischen Kommunikation. Vertragspartner des Lieferanten ist der Letztverbraucher. Diese Vertragsbeziehung und die Marktkommunikation zwischen den Marktpartnern sind zwei verschiedene Ebenen.
Wie sich Marktpartner identifizieren
Jede Übertragungsdatei nennt Absender und Empfänger. Dafür verwenden die Marktpartner die Marktpartner-Identifikationsnummer. Für die Sparte Strom ist das die BDEW-Codenummer; für Gas nutzt die Branche die DVGW-Codenummer. Die Vergabe und Pflege läuft über die jeweilige Codevergabestelle, deren Datenbanken auch die Kommunikationsadressen enthalten.
Die MP-ID steckt in den Service-Segmenten einer EDIFACT-Übertragung und zusätzlich in der Nachricht selbst, etwa im NAD-Segment. Ein typisches Beispiel aus den allgemeinen Festlegungen: Im UNB-Segment steht die MP-ID des Lieferanten als Absender, im NAD-Segment mit Qualifier MS die MP-ID des Nachrichtenausstellers. Stimmen die Angaben nicht überein, lehnt der Empfänger die Nachricht ab.
Eine MP-ID gilt nur für eine Sparte und nur für eine Rolle. Wer als Netzbetreiber und als Messstellenbetreiber kommuniziert, benötigt zwei Kennungen. Die Systeme müssen diese Kennungen prozessgenau pflegen, denn sie steuern Prüfungen, Berechtigungen und Folgeaktionen.
Wer mit wem spricht
Die Prozessbeschreibungen legen fest, welcher Marktpartner welchen Prozessschritt ausführt. Daraus ergibt sich die Kommunikationsbeziehung, nicht aus einer allgemeinen Liste möglicher Partner. Ein Lieferbeginn läuft vom neuen Lieferanten zum Netzbetreiber. Die Abmeldeanfrage geht vom Netzbetreiber an den bisherigen Lieferanten. Konfigurationsbestellungen richten sich an den Messstellenbetreiber, Werteübermittlungen kommen vom Messstellenbetreiber an die berechtigten Empfänger.
Das Bild der drei parallelen Regelwerke hilft bei der Einordnung: GPKE regelt die Belieferung und Zuordnung, WiM Strom das Messwesen, MaBiS die Bilanzierung. In jedem dieser Regelwerke treten dieselben Rollen auf, aber in unterschiedlichen Konstellationen. Ein Lieferant, der in GPKE-Prozessen der Auftraggeber ist, wird in WiM-Prozessen zum berechtigten Empfänger von Messwerten und in MaBiS-Prozessen über seinen Bilanzkreis geführt.
Für die Analyse einer Störung ist diese Zuordnung entscheidend. Wenn eine Bestätigung ausbleibt, lautet die erste Frage nicht, welches System versagt hat, sondern welche Rolle den erwarteten Schritt ausführen musste. Danach erst folgt die Suche nach der fehlenden Nachricht oder der falschen Konfiguration.
Rollen in GPKE, WiM und MaBiS
Jede Prozessfestlegung kennt eigene Schwerpunkte, aber dieselben Rollen. In der GPKE stehen Lieferant und Netzbetreiber im Zentrum, weil es um die Zuordnung von Marktlokationen geht. Der Lieferant meldet Lieferbeginn und Lieferende, der Netzbetreiber prüft und bestätigt, und der Messstellenbetreiber liefert die passenden Konfigurations- und Messdaten. Die Prozesse unterscheiden dabei genau, wer der alte Lieferant, wer der neue Lieferant und wer ein zukünftiger Lieferant ist. Die GPKE führt dafür die Kurzzeichen LFA, LFN und LFZ.
In der WiM Strom rückt der Messstellenbetreiber in den Mittelpunkt. Er beginnt und beendet den Messstellenbetrieb, er übernimmt oder gibt Messlokationen ab, und er übermittelt Werte. Netzbetreiber und Lieferant treten hier als Auftraggeber oder als berechtigte Empfänger auf. Weil die WiM eigene Wechselprozesse regelt, bleibt sie eine eigenständige Festlegung, obwohl sie inhaltlich eng mit der GPKE verzahnt ist.
In der MaBiS schließlich kommunizieren die Bilanzkreisverantwortlichen mit den Übertragungsnetzbetreibern über Zeitreihen und Fahrpläne. Netzbetreiber liefern die aggregierten Daten zu. Ein Lieferant, der seinen Bilanzkreis nicht selbst führt, beauftragt einen Bilanzkreisverantwortlichen. Diese Trennung zwischen Lieferant und Bilanzkreisverantwortlichem ist in Projekten wichtig, weil sie auf unterschiedliche Verträge und Verantwortungen verweist.
Wer ein Gesamtbild der Marktkommunikation aufbaut, sollte deshalb für jeden Prozess notieren, welche Rollen beteiligt sind, wer den ersten Schritt sendet und wer die abschließende Rückmeldung gibt. Aus diesem Rollenbild entstehen Sender-Empfänger-Matrix, Berechtigungen und Testfälle.
Bedeutung für SAP IS-U
SAP IS-U bildet die energiewirtschaftlichen Abläufe über Geschäftspartner, Vertragskonten, Anschluss- und Anlagenobjekte ab. Die Marktkommunikation ergänzt diese Sicht um die externen Marktobjekte und Marktpartner. Ein Unternehmen, das nur eine Rolle ausübt, hat es leicht. Stadtwerke und Verbundunternehmen pflegen dagegen mehrere Marktpartner-IDs, mehrere Netzgebiete und mehrere vertragliche Sichten.
Daraus ergeben sich konkrete Anforderungen an das Customizing. Die eigene Marktpartner-ID muss je Rolle und Netzgebiet hinterlegt sein. Eingehende Nachrichten müssen erkennen, auf welche MaLo oder MeLo sie sich beziehen und welche Rolle der Sender innehat. Ausgehende Nachrichten müssen die richtige Absender-Kennung tragen. Verrechnungskreise, Vertragskonten und Abrechnungssparten müssen so aufgebaut sein, dass die Marktrolle eines Vorgangs nicht verloren geht.
Ein typisches Fehlerbild entsteht, wenn ein Unternehmen als Lieferant und als Messstellenbetreiber Werte empfängt. Gehen beide Ströme über denselben fachlichen Empfang, kann das System nicht unterscheiden, ob ein Wert für die Belieferung oder für den Messstellenbetrieb bestimmt ist. Die Folge sind falsche Zuordnungen in Abrechnung und Bilanzierung. Die Rolle ist deshalb kein Dokumentationsfeld, sondern ein Verarbeitungsmerkmal.
Zur Verarbeitung gehören auch die Berechtigungen. Ein Marktpartner darf nur die Daten erhalten, die sein Prozess verlangt. Wer als Messstellenbetreiber Messwerte liefert, muss wissen, welche Empfänger für welche Lokationen berechtigt sind. Wer als Netzbetreiber Stammdaten pflegt, muss die Grenzen seiner Rolle kennen. Die Rollenlogik schützt so nicht nur die Prozesse, sondern auch die Datenhoheit der Beteiligten.
In der Projektpraxis empfiehlt es sich, die Rollen des eigenen Unternehmens in einer Übersicht zu führen: welche Marktpartner-ID je Rolle gilt, in welchen Prozessen die Rolle auftritt, welche Nachrichten sie sendet und empfängt und welche SAP-Objekte sie berührt. Diese Übersicht beantwortet die meisten Fachfragen schneller als jede Transaktionsdokumentation.
Praxisbeispiel: Ein Stadtwerk in mehreren Rollen
Ein Stadtwerk betreibt das Verteilnetz in seiner Kommune, verkauft Strom an Haushalte und übernimmt als grundzuständiger Messstellenbetreiber die Messstellen im Netzgebiet. Drei Marktrollen, drei Marktpartner-IDs, ein Unternehmen.
Ein Kunde wechselt zu einem überregionalen Lieferanten. Der neue Lieferant meldet den Lieferbeginn beim Stadtwerk in dessen Rolle als Netzbetreiber. Das Stadtwerk prüft die Anmeldung, ordnet den Lieferanten der Marktlokation zu und bestätigt den Vorgang. In der Rolle als Messstellenbetreiber stellt es weiterhin die Messwerte bereit, jetzt an den neuen Lieferanten als berechtigten Empfänger. In der Rolle als Lieferant verliert es den Kunden und meldet das Lieferende über seine eigene Lieferantenrolle.
Für die Systeme bedeutet das: Derselbe Geschäftspartner tritt in mehreren Rollen auf, dieselbe Marktlokation wird in mehreren Prozessen geführt, und jeder Prozess muss wissen, welche Rolle das eigene Haus gerade spielt. Wer diese Unterscheidung erst in der Fehleranalyse nachbaut, korrigiert Symptome, nicht Ursachen.
Im Projektalltag zeigt sich der Nutzen dieser Sicht bei jeder neuen Festlegung. Ändert die Bundesnetzagentur einen Prozess, lässt sich daraus ableiten, welche Rolle das Unternehmen trifft und welche Nachrichten sich ändern. Ein Netzbetreiber, der zugleich Lieferant ist, prüft dieselbe Festlegung zweimal: einmal für die Netzsicht, einmal für die Vertriebssicht. Ohne Rollenmodell übersieht ein Projektteam schnell die Hälfte der Betroffenheit. Mit Rollenmodell entstehen aus einer Festlegung sauber getrennte Arbeitspakete für Netz, Vertrieb und Messwesen.
Typische Missverständnisse
„Ein Unternehmen ist genau eine Marktrolle.“
Nein. Ein Unternehmen kann mehrere Rollen wahrnehmen. Jede Nachricht muss trotzdem eindeutig einer Rolle zuordenbar sein, erkennbar an der Marktpartner-Identifikationsnummer.
„Der Kunde ist Marktpartner in der Marktkommunikation.“
Nein. Der Letztverbraucher ist Vertragspartner des Lieferanten. In der elektronischen Marktkommunikation senden und empfangen die Marktpartner in ihren Rollen.
„Die Kundennummer identifiziert den Marktpartner.“
Nein. Marktpartner identifizieren sich über die MP-ID, im Strommarkt über die BDEW-Codenummer. Kundennummern gehören zur Vertragsbeziehung des Lieferanten.
„Rollen lassen sich später aus dem Firmennamen ableiten.“
Nicht zuverlässig. Der Firmenname sagt nichts über die Rolle in einem Vorgang. Die Rolle muss aus Nachricht, Prüfidentifikator und Marktpartner-ID abgeleitet werden.
„Gleiche Marktrolle heißt gleiche Datenberechtigung.“
Nicht zwingend. Der Messstellenbetreiber unterscheidet zwischen grundzuständigem und wettbewerblichem Messstellenbetrieb. Auch innerhalb einer Rolle bestimmt der Prozess, welche Daten ein Partner erhält.
Quellen und Pflegehinweis
Die Bundesnetzagentur veröffentlicht die Prozessfestlegungen und die Regeln zu Marktpartner-Identifikation und Datenformaten. Der BDEW führt die Codenummerndatenbank für die Sparte Strom. Rollenmodelle und Glossarbegriffe ändern sich mit den Festlegungen, daher für jeden Prozess die aktuell gültige Fassung prüfen.
- Bundesnetzagentur: Netzzugang Strom und Marktkommunikation
- Bundesnetzagentur: GPKE Teil 1 (Lesefassung, Glossar)
- Bundesnetzagentur: Lieferantenwechsel (GPKE)
- BDEW Codes: BDEW-Codenummern als Marktpartner-ID
- BDEW: Marktkommunikation, Standards im Energiemarkt
Abrufdatum aller Quellen: 7. September 2026.
Primärquellen zum Nachlesen
- Bundesnetzagentur – Netzzugang Strom und Marktkommunikationbundesnetzagentur.de
- Bundesnetzagentur – GPKE Teil 1, einführende Prozessbeschreibung (Glossar)bundesnetzagentur.de
- Bundesnetzagentur – Lieferantenwechsel (GPKE)bundesnetzagentur.de
- BDEW – BDEW-Codenummern als Marktpartner-IDbdew-codes.de
- BDEW – Marktkommunikation (MaKo): Standards im Energiemarktbdew.de
