nNick Energy Atlas
Messwert, Zählerstand und Lastgang

05Energiedaten & Bilanzierung

Registrierende Leistungsmessung (RLM) verstehen

Wie RLM Lastgänge erfasst, sich von SLP und Zählerstandsgang unterscheidet und in Bilanzierung, Abrechnung und SAP IS-U/EDM verarbeitet wird.

Auf dieser Seite 10 Abschnitte

Kurzantwort

Registrierende Leistungsmessung (RLM) erfasst die elektrische Leistung einer Marktlokation fortlaufend in festgelegten Messintervallen und übermittelt daraus einen Lastgang. Im deutschen Strommarkt ist die Viertelstunde das maßgebliche Raster: Für jedes Intervall wird ein Leistungsmittelwert gebildet, typischerweise in kW. Der Lastgang zeigt damit nicht nur, wie viel Energie ein Kunde im Jahr verbraucht, sondern auch, wann und mit welcher Leistung die Entnahme stattfindet.

RLM ist ein Messverfahren, kein Tarif und keine Marktrolle. Es ist von einem Standardlastprofil (SLP) zu unterscheiden: SLP verteilt eine bekannte oder prognostizierte Jahresarbeit rechnerisch auf Zeitintervalle, RLM misst den zeitlichen Verlauf. Auch der Zählerstandsgang eines intelligenten Messsystems ist nicht dasselbe Produkt. Dort werden kumulierte Zählerstände in kurzen Abständen übermittelt, aus denen die Intervallarbeit erst durch Differenzen entsteht. § 55 MsbG sieht bei Letztverbrauchern mit mehr als 100.000 kWh Jahresverbrauch grundsätzlich eine Zählerstandsgangmessung oder, soweit erforderlich, eine viertelstündige RLM vor. MsbG § 55

Messeinrichtungan der MeLoMessung je15-Minuten-IntervallLastgang in kW/kWhmit Zeitbezug und StatusPlausibilisierungund ErsatzwerteMSCONS / WiMBilanzierung · Netz-nutzung ·Lieferabrechnung
RLM erzeugt aus der Messung eine qualitätsgesicherte Lastgangreihe, die mehrere Marktprozesse verwenden.

Was bei RLM gemessen wird

Physikalisch wird elektrische Arbeit über die Zeit erfasst. Für die RLM wird daraus je Messperiode ein Leistungsmittelwert berechnet. Bei einer Viertelstunde und 5 kWh Arbeit lautet der Mittelwert 5 kWh / 0,25 h = 20 kW. Der Wert 20 kW bedeutet also nicht, dass die Anlage während jeder Sekunde exakt 20 kW gezogen hat, sondern dass die mittlere Leistung des Intervalls diesem Wert entspricht.

Die StromNZV definiert den Lastgang als Zeitreihe der über Messperioden gemessenen Leistungsmittelwerte einer Entnahme oder Einspeisung. Die StromNEV verwendet für die RLM die Begriffe Bezugszeitreihe und Einspeisezeitreihe. StromNZV § 2 StromNEV § 2 In einem Messsystem können daher mindestens zwei fachlich getrennte Richtungen vorkommen: die aus dem Netz bezogene und die in das Netz eingespeiste Energie.

Ein RLM-Datensatz braucht mehr als eine Zahlenliste. Eindeutig sein müssen mindestens Mess- oder Marktlokation, Zählwerk beziehungsweise Messrichtung, Beginn und Ende des Intervalls, Einheit, Zeitzone, Status und gegebenenfalls Wandlerfaktor. Ohne diese Informationen kann eine Zahl nicht korrekt bilanziert oder abgerechnet werden.

Merkmal Bedeutung Beispiel
Messgröße Arbeit oder daraus berechnete mittlere Leistung 5 kWh beziehungsweise 20 kW
Raster Länge der Messperiode 15 Minuten im Strommarkt
Richtung Bezug oder Einspeisung Bezug aus dem Verteilnetz
Zeitbezug Intervallbeginn/-ende und lokale Zeit 08:00–08:15 Europe/Berlin
Qualität gemessen, vorläufig, Ersatz- oder Korrekturwert Ersatzwert wegen Kommunikationsausfall

RLM, SLP und Zählerstandsgang sauber trennen

Die drei Verfahren beantworten dieselbe betriebliche Frage – welche Energiemenge einer Marktlokation zeitlich zuzuordnen ist – mit unterschiedlichen Daten. RLM misst den Verlauf. SLP modelliert ihn. Ein Zählerstandsgang liefert Stände, aus denen der Verlauf abgeleitet werden kann.

Merkmal RLM SLP Zählerstandsgang (ZSG)
Grundlage registrierte Leistung je Intervall Profilfaktor und Jahresarbeit kumulierter Zählerstand im Raster
Zeitverlauf individuell gemessen typisiert oder analytisch berechnet individuell aus Differenzen abgeleitet
Typische Auflösung Strom 15 Minuten 15 Minuten bilanziell 15 Minuten
Aussage tatsächliche mittlere Last erwartete Verteilung tatsächlicher Standverlauf, daraus Arbeit
Hauptnutzung Bilanzierung, Leistungspreise, Prognose Standardbilanzierung Bilanzierung, Abrechnung, dynamische Tarife

Beim SLP kennt der Netzbetreiber die individuelle Viertelstundenlast nicht. Er ordnet eine Abnahmestelle einem Profil zu und skaliert dieses mit einer Jahresarbeitsmenge. Abweichungen zwischen Profil und tatsächlichem Verlauf werden nicht für jedes Intervall gemessen, sondern in den Mehr- und Mindermengen beziehungsweise in der Bilanzkreisabrechnung sichtbar.

Beim Zählerstandsgang wird beispielsweise um 08:00 ein Registerstand von 12.340,0 kWh und um 08:15 ein Stand von 12.345,0 kWh übermittelt. Die Differenz beträgt 5 kWh. Erst durch Division durch 0,25 Stunden entsteht der mittlere Leistungswert 20 kW. Ein Zählerstandsgang ist damit nicht automatisch ein RLM-Lastgang, auch wenn beide Reihen 96 Positionen pro normalen lokalen Tag haben.

RLM und ZSG können in der Bilanzierung ähnliche Ergebnisse liefern, bleiben aber unterschiedliche Messprodukte. RLM übermittelt Leistungsmittelwerte aus der registrierenden Lastgangmessung; ZSG übermittelt die Registerstände. Die jeweiligen Wertebedarfe und Marktkommunikationsregeln bestimmen, welcher Empfänger welche Reihe erhält.

Für wen RLM eingesetzt wird

Die gesetzliche Systematik hat sich mit dem Rollout intelligenter Messsysteme weiterentwickelt. § 55 MsbG nennt für Letztverbraucher mit einem Jahresstromverbrauch über 100.000 kWh die Zählerstandsgangmessung oder, soweit erforderlich, die viertelstündige RLM. Sobald ein Letztverbraucher bis einschließlich 100.000 kWh mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet ist, erfolgt die Messung ebenfalls über Zählerstandsgangmessung oder vorhandene RLM. MsbG § 55

„Über 100.000 kWh“ ist deshalb keine zeitlose Aussage, dass jeder kleinere Kunde niemals RLM haben darf oder jeder größere Kunde zwingend ein bestimmtes Gerät erhält. Maßgeblich sind die gesetzliche Messmethode, die technische Eignung, das vorhandene Messsystem und die Anforderungen des jeweiligen Marktprozesses. In der Praxis finden sich RLM besonders bei Gewerbe- und Industriekunden, größeren Liegenschaften, Erzeugungsanlagen sowie bei Messungen, für die Leistungsspitzen netz- oder vertragsrelevant sind.

Für eine RLM-Ausprägung werden Stromwandler eingesetzt, wenn die Betriebsströme nicht direkt durch den Zähler geführt werden können. Das Verhältnis des Wandlers ist Bestandteil der Mess- und Stammdaten. Wird ein Faktor nicht oder doppelt angewendet, sehen die Zeitreihen technisch plausibel aus, sind aber systematisch zu hoch oder zu niedrig.

Vom Messgerät zum qualitätsgesicherten Lastgang

Die Messeinrichtung erfasst die Werte lokal. Der Messstellenbetreiber liest sie aus, ordnet sie der Messlokation zu und bereitet sie für die Marktkommunikation auf. Die Aufbereitung prüft Vollständigkeit, zeitliche Reihenfolge, Grenzwerte, Registerwechsel, Wandlerfaktoren und die Konsistenz zwischen Zählerständen und Intervallmengen.

Fehlt eine Viertelstunde, ist das nicht gleichbedeutend mit Nullverbrauch. Nach § 55 Absatz 2 MsbG sind, wenn für die Abrechnung kein wahrer Messwert fristgerecht vorliegt, im Einzelfall Ersatzwerte oder vorläufige Werte nach den anerkannten Regeln der Technik zu bilden. Der Status muss den Empfänger erkennen lassen, dass der Wert nicht unmittelbar aus der gültigen Messung stammt. Später eintreffende wahre Werte können eine Korrektur und eine Neuberechnung auslösen. MsbG § 55

janeinRohwerte ausRLM-ZählerWandlerfaktor,Einheit, Richtungvollständig undplausibel?wahrer MesswertErsatz-/vorläufigerWert mit StatusLastgang-VersionÜbermittlung undFolgeprozesse
Ein RLM-Lastgang durchläuft Messung, Prüfung und Statusführung, bevor er für Abrechnung und Bilanzierung verwendet wird.

Auch die Uhrzeit ist fachlich relevant. Der Lastgang muss der im Marktprozess geltenden Zeitdarstellung folgen. Sommer- und Winterzeit führen lokal zu Tagen mit 92 beziehungsweise 100 Viertelstunden. Die technische Speicherung in UTC kann Mehrdeutigkeiten vermeiden, ersetzt aber nicht die korrekte Zuordnung zu lokalen Intervallgrenzen. Ein Wert mit „08:15“ muss eindeutig als Beginn oder Ende des Intervalls interpretiert werden.

RLM in Bilanzierung und Abrechnung

Die RLM-Reihe wird im Bilanzkreis dem Lieferanten und der Marktlokation zugeordnet. Im MaBiS-Kontext werden Einzelwerte zu bilanziell relevanten Zeitreihen aggregiert, abgegrenzt und mit anderen Mengen verglichen. BNetzA MaBiS Ein RLM-Lastgang ist daher ein Input für die Bilanzierung, aber nicht automatisch schon die fertige Bilanzkreiszeitreihe. Richtung, Zuordnung, Status und Aggregationsregeln bleiben zu prüfen.

Für die Netznutzungsabrechnung können neben der Arbeit auch Leistungskomponenten relevant sein. Eine Leistungsspitze ist der höchste gemessene Leistungsmittelwert innerhalb des Abrechnungsjahres oder des vertraglich maßgeblichen Zeitraums. Die konkrete Entgeltbildung richtet sich nach den Netzentgeltregeln und der veröffentlichten Preisstruktur des Netzbetreibers; aus einem RLM-Lastgang allein folgt kein bestimmter Rechnungsbetrag.

Der Lieferant verwendet den Verlauf unter anderem für Beschaffung, Prognose, Tarifabrechnung und Plausibilisierung. Bei einem zeitvariablen oder dynamischen Preis muss die Energiemenge dem korrekten Preisintervall zugeordnet werden. Ein Messwert mit Ersatzstatus kann dabei vorläufig verarbeitet werden, darf aber nicht unbemerkt als endgültige Wahrheit in eine abgeschlossene Abrechnung eingehen.

Die WiM-Prozesse regeln die Übermittlung von Werten zwischen Messstellenbetreiber, Netzbetreiber und Lieferant. Technisch werden dafür standardisierte EDIFACT-Nachrichten wie MSCONS verwendet; die konkrete Segmentbelegung ergibt sich aus dem jeweils gültigen Anwendungshandbuch und den Codelisten. BNetzA WiM

SAP IS-U und EDM-Praxis

In SAP IS-U bilden Geräte, Zählwerke, Anlagen, Anschlussobjekte und Marktlokationen die Stammdatenbasis. Zeitreihen und Profile werden typischerweise im Energiedatenmanagement (EDM) verarbeitet. Die genaue Transaktion und das Customizing hängen von Release und Systemarchitektur ab; fachlich sollte die Verarbeitung jedoch nachvollziehbar in folgenden Schichten erfolgen:

  1. Import und technische Zuordnung von Nachricht, MeLo, MaLo, Gerät und Zählwerk.
  2. Einheitenumrechnung und Anwendung des zeitlich gültigen Wandlerfaktors.
  3. Prüfung von Raster, Zeitzone, Richtung, Vollständigkeit und Grenzwerten.
  4. Ersatzwertbildung mit Begründung und Qualitätsstatus.
  5. Versionierung des Lastgangs sowie Übergabe an Abrechnung, Prognose und MaBiS.

Ein klassischer Fehler ist die Vermischung von Mess- und Abrechnungswert. Der Rohwert kann in kWh vorliegen, während die Abrechnung einen kW-Leistungswert oder eine aus mehreren Intervallen aggregierte Menge benötigt. Ein weiterer Fehler entsteht, wenn ein Zählerwechsel nicht zeitlich geschnitten wird: Der Ausbauwert des alten Geräts und der Einbauwert des neuen Geräts müssen die Grenze bilden; Werte des alten Zählwerks dürfen nicht mit dem neuen Register differenziert werden.

Für die Betriebsführung sind Rohreihe, aufbereitete Reihe und versendete beziehungsweise abrechnungsrelevante Version unterscheidbar zu halten. So lässt sich bei einer Korrektur beantworten, welcher Wert wann bekannt war, welche Nachricht ihn geliefert hat und welche Folgeprozesse neu angestoßen wurden. Eine erfolgreiche technische Nachrichtenquittung beweist nur den Transport, nicht die fachliche Richtigkeit der Werte.

Praxisfall: Produktionsbetrieb mit Leistungsspitze

Ein Produktionsbetrieb bezieht in einem Viertelstundenintervall 75 kWh. Die mittlere Leistung beträgt 300 kW. In einem anderen Intervall fallen nur 20 kWh an, also 80 kW. Beide Werte sind für die Jahresarbeit relevant, aber nur der höchste gültige Leistungsmittelwert ist für eine leistungsbezogene Betrachtung die Spitze. Die Zeitreihe muss deshalb Arbeit und Leistung korrekt auseinanderhalten.

Am 12. des Monats fehlen wegen einer Kommunikationsstörung vier Intervalle. Der Messstellenbetreiber bildet nach dem gültigen Verfahren vorläufige Werte und kennzeichnet sie. Der Lieferant rechnet den Monat zunächst mit diesen Werten ab; nach Eingang der echten Werte wird eine korrigierte Reihe übermittelt. Das EDM ersetzt nicht blind die komplette Monatsreihe, sondern führt die fachliche Versionierung und berechnet abhängige Summen neu. Der Netzbetreiber berücksichtigt die Korrektur in den betroffenen Bilanz- und Netznutzungsprozessen.

Der Betrieb installiert später eine PV-Anlage hinter demselben Netzanschlusspunkt. Das Messkonzept trennt Bezug und Einspeisung. Für das EDM bedeutet das: Zwei Richtungen, zwei Zählwerke und klare Zuordnungen. Eine Nettoverrechnung würde die importierte und exportierte Energie unzulässig vermischen, wenn der jeweilige Prozess getrennte Reihen verlangt.

Typische Missverständnisse

  • „RLM bedeutet automatisch mehr als 100.000 kWh.“ Nein. Der Verbrauchswert ist ein wichtiger gesetzlicher Anknüpfungspunkt, aber § 55 MsbG berücksichtigt auch Zählerstandsgangmessung, intelligente Messsysteme und technische Erforderlichkeit.
  • „RLM ist ein Tarif.“ Nein. RLM ist ein Messverfahren. Tarif, Netzentgelt und Vertrag werden davon getrennt geregelt.
  • „Ein Lastgang ist dasselbe wie ein Lastprofil.“ Nein. Der Lastgang ist eine gemessene Zeitreihe; das SLP ist eine rechnerische Profilierung.
  • „RLM misst in jedem Moment die Leistung.“ Nein. Der typische Marktwert ist der Leistungsmittelwert je Messperiode.
  • „Zählerstandsgang und RLM sind identisch.“ Nein. Beim ZSG werden Stände übermittelt und differenziert, bei RLM Leistungsmittelwerte aus der registrierenden Messung.
  • „Eine fehlende Viertelstunde ist Null.“ Nein. Eine Lücke erfordert eine geregelte Ersatz- oder vorläufige Wertbehandlung.
  • „Der höchste kW-Wert ist immer der Rechnungsbetrag.“ Nein. Die konkrete Netzentgelt- und Lieferabrechnung richtet sich nach Preisblatt, Vertrag und Prozess.
  • „MSCONS erfolgreich bedeutet fachlich korrekt.“ Nein. Syntax und Transport sind von Plausibilität, Zuordnung und Bilanzwirkung zu unterscheiden.

Quellen und Pflegehinweis

Der Artikel stützt sich auf die Begriffsbestimmungen der StromNZV, die Messwerterhebungsregeln des MsbG sowie die Marktprozessinformationen der Bundesnetzagentur zu MaBiS und WiM. Geprüfter Stand ist der 08.09.2026. Bei Änderungen an MsbG, StromNZV, WiM, MaBiS oder EDI@Energy sind insbesondere Schwellenwerte, Messprodukte, Übermittlungsfristen, Statuscodes und Zeitreihenlogik erneut zu prüfen.

SAP-IS-U- und EDM-Implementierungen unterscheiden sich nach Release und Customizing. Feldnamen oder technische Tabellen dürfen deshalb nicht allein als Beleg für die fachliche Bedeutung eines RLM-Werts verwendet werden. Maßgeblich bleiben Messkonzept, Prozessdokumentation, gültiges Anwendungshandbuch und die zeitlich wirksamen Stammdaten.

Primärquellen zum Nachlesen